INTERVIEW: SVEN VAN THOM – „Ich wollte diese Ernsthaftigkeit nicht durch witzige Lieder verwässern.“

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SVEN VAN THOM hat sich in letzter Zeit so einiges getraut: Er ist von Berlin in die hessische Provinz gezogen, Vater geworden, und veröffentlicht nun erstmals ein komplett ernsthaftes Album, das keine Albernheiten nötig hat und sich mit Hingabe und Tiefgang den Themen „LIEBE & DEPRESSION“ widmet. Unterhaltsam, charmant und musikalisch facettenreich ist er dabei trotzdem geblieben. Gute Gründe für ein ausführliches Gespräch:
 
Wie würdest Du das Paar „Liebe & Depression“ beschreiben, Sven? Passen die beiden zusammen?
 
Man denkt natürlich zuerst, dass die zwei ein ungleiches Paar sind. Aber jeder dieser beiden Zustände steht für ein extremes Gefühl – eins für die höchsten Höhen, das andere für die tiefsten Tiefen. Beide haben die Macht, einen Menschen komplett für sich zu vereinnahmen oder gar völlig aus der Bahn zu werfen. Und nicht zu vergessen: Eine unerfüllte oder verflossene Liebe kann jemanden auch in eine Depression stürzen. Und so haben Liebe und Depression vielleicht doch viel mehr gemeinsam, als man zunächst vermutet, oder zumindest nicht wenige mögliche gemeinsame Schnittpunkte. Sicherlich vermag es das Frischverliebtsein auch, jemanden zeitweilig aus einem depressiven Zustand herauszulösen. Dass das auf Dauer funktioniert, glaube ich jedoch nicht – zumindest nicht, solange die Depression die Ausmaße einer ausgewachsenen Krankheit hat.
 
Hast Du bewusst ein Konzeptalbum geschrieben oder hat es sich eher zufällig so ergeben?
 
Der Albumtitel stand schon fest, lange bevor alle Lieder dafür geschrieben waren. Denn das Thema „Depression“ begleitet mich schon seit meiner Teenager-Zeit, und die Liebe sogar noch viel, viel länger. Ich hätte auch ein komplettes Album nur über die Depression machen können, aber gerade dieser Gegensatz zwischen Liebe und Depression hat für mich etwas Reizvolles: Das Schöne und das Hässliche stehen dicht beieinander – und das ist etwas, das sich seit meinem Solodebüt „Phantomschmerz“ (2008) durch mein ganzes Schaffen zieht. Jedoch war ich noch nie zuvor so konsequent darin, wie mit diesem neuen Album.
 
Es gibt ja dieses Klischee, dass Künstler, die sich häufig humoristischen Inhalten widmen, oft eine ausgeprägte melancholische Seite haben. Kannst Du das bestätigen? Und was hat Dich dazu bewogen, erstmals ein weitgehend ernsthaftes Album zu veröffentlichen?
 
Ich kann zumindest sagen, dass dieses Klischee auf mich zutrifft, und auch auf ein paar Freunde oder Bekannte, die sich, so wie ich, in der Kunst der Albernheiten austoben. Da fällt mir zuerst mein Freund Blockflöte des Todes ein: Ein Typ, der keinen Kalauer unausgeprochen lassen kann, aber gleichzeitig ein ausgeprägter Melancholiker ist. Ich glaube aber nicht, dass alle humoristischen Künstler nun unbedingt von Depressionen geplagt sind. Ich kenne es von mir, dass ich sehr viel produktiver und kreativer bin, wenn es mir gerade gut geht.
 
In den letzten Jahren habe ich mich fast ausschließlich mit humoristischen Inhalten auf der Bühne oder im Radio präsentiert – einmal mit Tiere streicheln Menschen (Comedy-Duo mit Martin „Gotti“ Gottschild); und im Zuge meiner ehemaligen wöchentlichen radioeins (RBB)-Radiokolumne „Pudding mit Frisur“ (in mehr als 80 Folgen kommentierte Sven van Thom aktuelle Ereignisse in Songform; die Lieder wurden später auf seiner„Pudding mit Frisur“-Trilogie veröffentlicht) wurden auch meine Solo-Auftritte immer pointenreicher. Mit der Zeit wurde jedoch der Wunsch, meine ernsthafte Seite mal wieder ins Rampenlicht zu rücken, immer größer, und ich wollte diese Ernsthaftigkeit nicht durch witzige Lieder verwässern – die ich allerdings auch noch zuhauf in der Schublade habe. Ich gönne mir also gerade einen kleinen Urlaub vom Humor.
 
Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann Du zum ersten Mal mit dem Thema „Depression“ in Berührung gekommen bist?
 
Zum ersten Mal habe ich so etwas wie eine Depression mit etwa 15 Jahren verspürt. Mein Schulfreund Tobias Siebert (heute Inhaber des Studios Radio Buellebrueck, er hat Tonträger von u.a. Enno Bunger, Marcus Wiebusch, Woods Of Birnam, Slut und Me And My Drummer produziert und sich zudem mit seinen eigenen musikalischen Projekten DelboKlez.e und And The Golden Choir einen Namen gemacht) hatte mich bei dem Versuch, gemeinsam Musik zu machen, in die Welt von a-Moll eingeführt. Wir waren beide leidenschaftliche Keyboardspieler, kamen jedoch aus völlig unterschiedlichen Richtungen: Er war The-Cure-Fan und war optisch kaum von der Bühnenfigur Robert Smith zu unterscheiden – wäre da nicht der Altersunterschied gewesen. Ich hingegen hörte ausschließlich Hip Hop und Die Ärzte. Der Grufti Tobias gab mir ein paar Tapes mit, um meinen musikalischen Horizont zu erweitern. Über zwei Wochen beschäftigte ich mich eindringlich mit der Musik von Goethes Erben und Relatives Menschsein, bis ich irgendwann tatsächlich besorgniserregende Selbstmordgedanken hatte. Das war mir bisher neu gewesen. Erst als ich nach vielen Tagen zur Abwechslung wieder einmal „Jetzt geht’s ab“, das erste Album der Fantastischen Vier, in den Kassettenplayer legte, hellte sich meine Stimmung binnen weniger Minuten wieder auf. Man könnte fast behaupten: Die Fantastischen Vier haben mein Leben gerettet! Nie zuvor war mir so bewusst gewesen, welche Macht Musik auf die Psyche hat.
 
Hast Du Dich dann doch noch weiter der melancholischen Musik gewidmet oder erst mal einen großen Bogen darum gemacht?
 
Goethes Erben ließ ich fortan links liegen, aber melancholische Musik beschäftigte mich weiter. Die Indie-Klassiker der 90er: Radiohead, Eels und Nirvana. Aber auch Künstler, deren Ausdruck eher wütend als traurig daherkam: Rage Against The Machine, Public Enemy. Zwischen allen Stühlen saßen dann auch noch die Beastie Boys oder Beck. Was in meiner heutigen Musik jedoch viel mehr wiederzuerkennen ist, sind die Rock-Klassiker der 60er und 70er – wie Pink Floyd, The Beatles oder Neil Young. Wenn ich bei den Beatles klaue, passiert das üblicherweise eher aus Versehen. Auf „Liebe & Depression“ habe ich mich musikalisch jedoch ganz bewusst bei Pink Floyd und Neil Young bedient, und versucht etwas zu erschaffen, das wie ein Zitat der Musik klingt, die mir schon als Jugendlicher so viel bedeutet hat.
 
Die Vorabsingle „Danke, gut“ hat deutliche Pink-Floyd-Referenzen parat.
 
Angestachelt hat mich „Cold Little Heart“, der erste Track von Michael Kiwanukas zweitem Album „Love & Hate“ (2016). Die Idee, mein Album „Liebe & Depression“ zu nennen, ist zwar wesentlich älter als Kiwanukas Platte, jedoch war ich nach dem ersten Hören von „Love & Hate“ so inspiriert, dass ich endlich auch einmal etwas im Pink-Floyd-Gewand aufnehmen wollte. Ich könnte gleich drei Pink-Floyd-Songs nennen, bei denen ich mich hier ganz bewusst bedient habe: „Shine On You Crazy Diamond, Part 2“, „One Of These Days“ und „Sheep“. Zudem könnte ich noch „Picture That“ von Roger Waters‘ aktuellem Album „Is This The Life We Really Want?“ dieser Liste hinzufügen, auf dem der ehemalige Kopf der Band sich hinreißend selber zitiert. Waters war eines meiner großen Jugend-Idole. Nicht nur die weitgehend herausfordernde Musik von Pink Floyd, sondern auch der beißende Sarkasmus seiner Songtexte waren für mich lange Zeit faszinierend. Die Hingabe ging so weit, dass mein Freund Jakob und ich unserer gemeinsamen Schülerband den Namen „Shaped Waters“ gaben. Unsere Erklärung war immer, dass „Shaped Waters“ einfach nur ein Synonym für den Menschen sein sollte, da wir bekanntlich zu über zwei Dritteln aus Wasser bestehen. In Wahrheit wollten wir jedoch einen Bandnamen haben, in dem der gute alte Roger vorkommt! Ich habe tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, ein komplettes Album mit Pink-Floyd-Referenzen aufzunehmen. Aber so konsequent bin ich dann leider doch nicht.
 
Welche inhaltliche Idee steckt hinter „Danke, gut“? 
 
Der Text zu „Danke, gut“ ließ sehr lange auf sich warten. Erst nach Monaten kam mir die simple finale Idee: einfach zu erzählen, dass die Depression allumfassend sein kann, man sich jedoch nach außen hin nichts anmerken lässt. Teilweise aus Scham. Ich rede zwar an sich ganz gern über das Thema „Depressionen“, habe es in Gegenwart einzelner Menschen jedoch auch schon bereut, wenn von diesen nur eine Reaktion kam à la: „Der soll sich mal zusammenreißen!“ Das pure Unverständnis für eine Krankheit, die kein Spaß ist.
 
Was empfiehlst Du jemandem, der das Gefühl hat, depressiv zu sein, aber versucht, sein Seelengrau unter Verschluss zu halten? 
 
Psychotherapie ist ein gewaltiges Wort und ein weites Feld. Als junger Mann hätte ich es mir nicht vorstellen können, so etwas in Anspruch zu nehmen, weil ich im Grunde kaum etwas darüber wusste. Heute würde ich allen dazu raten, die offen dafür sind, an sich zu arbeiten. Es hilft ungemein zu wissen, warum man so tickt wie man tickt.
 
Das Video zu „Danke, gut“ wird von Musik-TV-Legende Markus Kavka an- und abmoderiert. Er engagiert sich für den Verein Freunde fürs Leben, der Aufklärungsarbeit zu den Themen Depression und Suizid leistet, und auf den Du auch am Ende des Videos hinweist. Der Clip ist zudem mit Hilfe zahlreicher Fans und Musikerkollegen entstanden (u.a. sind Björn Sonnenberg-Schrank von Locas In Love, Nicola Rost von Laing und Tobias Friedrich von Husten darin zu sehen). Warum dreht sich in dem Video alles und jede(r)?
 
In Zeiten von Corona wollte ich es gern vermeiden, mit einer Videoproduktionsfirma zusammenzuarbeiten, um so wenig Kontakte wie möglich zu haben. So kam schnell die Idee auf, dass ich Leute auf Social Media fragen könnte, sich beim Singen meines Songs zu filmen. Das Drehen symbolisiert das sprichwörtliche Gedankenkarussell in einer Depression – ein total einfaches Stilmittel, aber so effektvoll! Das Video wirkt auf mich irrsinnig rasant, nicht nur wegen der schnellen Schnitte, sondern vor allem wegen der Drehung. Zuerst hatte ich ja Bedenken, ob sich überhaupt mehr als zehn Leute finden würden, die meiner Bitte, sich zu filmen, nachkommen. Umso überwältigender war es, zu sehen, dass am Ende so viele Menschen mitgemacht haben. Es gab sogar einzelne Leute, die das komplette Lied von vorn bis hinten auswendig konnten und ihren Clip in einem Take durchgefilmt haben. Das hat sich für mich wie ein riesiges Kompliment angefühlt.
 
 
In diesen seltsamen Corona-Zeiten pfeifen Einsamkeit und Depression besonders rücksichtslos auf Abstand und Kontaktbeschränkungen. Wie erlebst Du die Pandemie? 
 
Das Timing der Pandemie hat es verdammt gut mit mir gemeint. Ich bin Anfang 2020 von Berlin in die hessische Pampa gezogen – ich glaube, das alles ist auf dem Land sehr viel erträglicher als in der Großstadt. Zudem bin ich wenige Wochen vor dem ersten Lockdown Vater geworden, und so war ich sogar froh darüber, dass meine Auftritte aufgrund der Pandemie nicht stattfinden konnten. So hatte ich plötzlich sehr viel mehr Zeit und Ruhe, mich um meine Familie zu kümmern.
 
Kommen wir nun zur Liebe: „Die ganze Zeit“ ist wohl das ungetrübteste Liebeslied Deines bisherigen Schaffens. Manch eine(r) wird sich fragen, was die kryptischen Zeilen „Ich hab Dir was gebastelt / Aus Glas, Papier und Haar / Dass das Geschenk mehr als ein Witz war / War uns jahrelang nicht klar“ zu bedeuten haben. Möchtest Du das verraten?
 
Das Lied entstand einen Tag nachdem ich ein Jan-Plewka-Konzert besucht hatte und sehr angetan von den Fähigkeiten seines Gitarristen Marco Schmedtje war. Vielleicht hört man es dem Song nicht unbedingt an, aber für mich ist die Gitarre durchaus ungewöhnlich und viel schwieriger zu spielen als vieles andere. Ich wollte mir wohl einfach mal Mühe geben! Und tatsächlich hat Jan Plewka unbewusst mit diesem Lied zu tun: Als ich im Jahr 2010 den bereits erwähnten Musiker Blockflöte des Todes bei Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ auf der Bühne begleiten durfte, nahm auch Plewkas Band Selig an der Show teil. Eine gute Freundin von mir, die das Spektakel live im TV verfolgte, schrieb mir an dem Abend eine SMS: „Sven, bring‘ mir bitte ein Brusthaar von Jan Plewka mit, ich hab‘ doch bald Geburtstag.“ Jan Plewkas üppiges Brusthaar nahm an diesem Abend aber auch wirklich unverschämt viel Platz auf den Fernsehbildschirmen ein! Während der Aftershow-Party bat ich dann Jan um eines seiner Brusthaare, mit der Bemerkung, ich würde es gern einer Freundin zum Geburtstag schenken. Meine Ernte war erfolgreich, und so kaufte ich einen sehr kleinen Bilderrahmen mit gläsernem Rand, schnitt aus einer Zeitung ein Bild von Jan Plewka aus und bastelte ein Top-Geschenk „aus Glas, Papier und Haar“. Danach sollten noch viele Jahre ins Land gehen, bis die besagte Dame und ich uns auch auf romantischer Ebene näherkamen.
 
Vom Rosaroten zum absoluten Gegenteil: „Darüber kann ich nicht lachen“ beleuchtet gesellschaftliche Düsternis. Das subjektive Empfinden existenzieller Bedrohung, das die Menschen, um die es in diesem Lied geht, auf bedauerliche Pfade geführt hat, kommt einer Depression oder auch einer irrational getriggerten Angststörung erschreckend nahe.
 
Das Lied ist entstanden, als Pegida ein großes Thema war. Durch die anhaltende Debatte über Hass im Internet hat die Relevanz dieses Liedes für mich über die Jahre eher zu- als abgenommen. Etwas ambivalent stehe ich der Schlusszeile gegenüber: „Ihr seid laut und ihr seid viele, doch die Mehrheit seid ihr nicht.“ Jahrzehntelang schien es für mich erstrebenswert, eher zu den Außenseitern zu gehören. Das Indie-Pathos der 90er Jahre prägte lange mein Lebensgefühl. Anders zu sein, gerade als Heranwachsender in der brandenburgischen Provinz, in der Rechts-Sein eine vorherrschende Jugendkultur war, galt für mich lange Zeit als „das einzig Richtige“ – und wenn es sich auch bloß auf das Tragen langer Haare, billiger Second-Hand-Klamotten und das Spielen in einer Rockband beschränkte. Hauptsache, kein Rechtsradikalismus und keine toxische Männlichkeit in Form von Fußball oder tiefergelegten VW Golfs! Mittlerweile ist meine Haltung zu vielen Dingen viel eher mit dem Mainstream vereinbar. Sogar soweit, dass eine CDU-Kanzlerin sich in einer Krisensituation (2015) auf die Seite flüchtender Menschen stellt und meiner Wahrnehmung nach genau das Richtige tut. Dass noch immer hunderte oder gar tausende Menschen jährlich im Mittelmeer ertrinken, zeigt jedoch leider, wie wenig nachhaltig die Aktion war, und das ist einfach nur schrecklich und beschämend für die EU und ihre politischen Akteure. Mittlerweile sind es jedoch die Menschen mit rechtsradikalem Gedankengut, die sich lautstark als Außenseiter positionieren. Und ich habe ein mulmiges Gefühl dabei, dass sie eine Haltung einnehmen, die ich selber einmal innehatte.
 
Ein mulmiges Gefühl bekommt man auch bei „Selten“. Es ist die schonungslose Dokumentation einer Beziehungskrise, die nicht gut ausgeht. Was kann man eigentlich tun, um eine Beziehungskrise zu vermeiden? 
 
So anstrengend es auch sein mag: Reden soll helfen!
 
Das Lied wird gegen Ende aber auch ein bisschen lustig. Eine absolute Rarität auf diesem Album.
 
Ja, im hinteren Teil von „Selten“ schwenkt das Stück über zu einem der wenigen komischen Momente des Albums. Nicht nur die Zeile „Ich hasse ihn!“ verweist dabei auf meine Liebe zu Farin Urlaubs Texten, aber diese Stelle kann durchaus als Hommage an Die Ärzte gewertet werden. Bei der besten Band der Welt bin ich übrigens im Jahr 2007, auf der „Es wird eng“-Tour, im Vorprogramm aufgetreten. Bela B hatte meine Kapelle Beatplanet dazu eingeladen.
 
Hast Du schon mal über eine Kollaboration mit Bela B nachgedacht? 
 
Tatsächlich tagträume ich seit Jahren davon, mal mit Bela eine Platte zu machen. Vielleicht rührt das daher, dass mir schon häufig gesagt wurde, dass meine Stimme wie die seine klingt, was ich zu einem kleinen Teil nachvollziehen kann. Normalerweise hört man so etwas als Künstler ja nicht gern, wenn einem gesagt wird, man klinge wie jemand anderes. Aber solange es um die Ärzte geht, nehme ich es niemandem krumm. Bis auf einen E-Mail-Wechsel, hatte ich mit Bela allerdings, seit der Tour 2007, gar keinen Kontakt mehr – von daher müsste ich schon eine richtig gute Idee haben, um ihn für eine Kollaboration anzufragen. Ich bin bei sowas eher scheu. Aber Lust darauf hätte ich sehr.
 
In „Verlieb Dich bloß nicht in mich“ ist am Cello Deine langjährige musikalische Wegbegleiterin Anne Müller zu hören, die man auch von ihrer engen Zusammenarbeit mit Nils Frahm und Agnes Obel kennen könnte. Das Cello ist vermutlich so ziemlich das einzige Instrument, das Du nicht beherrschst, oder? 
 
Es ist zumindest das einzige Instrument, das ich auf dieser Platte nicht selber eingespielt habe. Ich beherrsche die üblichen Rockband-Instrumente mehr oder weniger zufriedenstellend: Gitarre, Bass, Klavier und ein bisschen Schlagzeug. Im Studio werkle ich auch gerne mit Flöten, Synthies, Drummachines oder so nerdigen Dingen wie Omnichord vor mich hin. Und auf der Bühne habe ich seit einigen Jahren immer häufiger das Theremin dabei – dieses seltsame elektronische Instrument, das man nicht berührt, sondern über Antennen spielt. Es kam auch auf dem neuen Abum mehrmals zum Einsatz. Ich kann nicht behaupten, sonderlich gut darin zu sein, es ist aber auch wahnsinnig schwer zu spielen! Ich hatte irgendwann schon einmal überlegt, mir auch das Cellospielen selber beizubringen. Aber bis ich annähernd so gut werde wie Anne, würden wohl Jahrzehnte vergehen. Also bitte ich doch lieber weiterhin sie, meine Platten durch ihr Spiel zu veredeln.
 
Was hat Dich inhaltlich zu „Verlieb Dich bloß nicht in mich“ inspiriert?
 
Die Idee zum Text kam mir, nachdem ich mir verschiedene Online-Dating-Geschichten von Leuten aus meinem Freundeskreis angehört hatte. Es gab Fälle, in denen diese in langjährigen Beziehungen, inklusive Heirat, mündeten. Die Regel waren jedoch Enttäuschungen und eine merkliche Sehnsucht nach emotionaler Tiefe und Bindung. Stattdessen gab es zwar Sex, aber nichts darüber hinaus. In einer kurzen Phase des Soloseins habe ich mir aus Neugier auch einmal Tinder aufs Handy geladen, es nach drei Tagen aber wieder deinstalliert, weil ziemlich schnell klar war, dass diese Plattform etwas für gutaussehende Menschen unter 35 sein mag, die wissen, wie man sich verkauft. Bei mir wollte jedoch gar nichts florieren! Immerhin habe ich es mal ausprobiert und kann sagen: Das war nichts für mich.
 
Diese Episode muss auch schon eine ganze Weile her sein, mittlerweile bist Du Familienvater. Fallen Dir jetzt eigentlich automatisch mehr Kinderlieder ein als früher? Und wird es ein zweites Kinderliederalbum geben?
 
Jawohl, mein zweites Kinderliederalbum, der Nachfolger zu „Tanz den Spatz“, ist noch für dieses Jahr geplant. Und tatsächlich fallen mir gerade mehr Kinderlieder ein als alles andere! Wobei mein Kind natürlich noch viel zu klein ist, um meine Kinderlieder zu verstehen – die sind ja eher etwas für Fünfjahrige und älter.
 
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Zurück zu Deinem neuen Erwachsenen-Album: Hat „Liebe & Depression“ auch Lösungsansätze parat?
 
Mir geht es nicht im Geringsten darum, einen Ausweg aufzuzeigen. Mich interessiert in diesem Fall einfach nur der Ist-Zustand und das überwältigende Gefühl der Lähmung. Immerhin zeigt der Schluss-Satz von „OK“ einen leisen Hoffnungsschimmer. Der stammt allerdings nicht von mir.
 
Du hast dafür ein Interview mit einem Bühnenkollegen gemacht.
 
Dem Singer-Songwriter Kai-Olaf Stehrenberg war ich einmal bei einem Auftritt an der Ostsee begegnet. Seitdem folgte ich ihm auf Facebook und entnahm seinen Postings, dass er sich mit einer ausgewachsenen Depression herumschlagen muss. Inhaltlich fischen Kai-Olaf und ich teilweise in ähnlichen Gewässern: Es geht auch bei ihm viel um die Liebe und um Melancholie, jedoch nicht ohne Witz. Da er so öffentlich mit seiner Depression umzugehen schien, bat ich ihn um ein Interview, um einzelne Teile daraus für den entsprechenden Track zu verwenden. Dass ich am Ende weit mehr als die Hälfte unseres Gespräches verwenden würde, war mir während der Aufnahme noch nicht klar. Ursprünglich schwebten mir einzelne Wortfetzen wie auf Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“ vor. Beim Auswerten war mir jedoch schnell klar, dass ich lieber ein umfassenderes Bild der Person zeichnen möchte, und so wurde aus einem Instrumental, das ursprünglich als Intro für die Platte gedacht war, ein eigenständiger Track, der das Thema „Depression“ noch einmal umfassend beleuchtet.
 
Welches Lied von Deinem neuen Album würdest Du der Depression als akustische Visitenkarte in die Westentasche stecken?
 
„Dass es knallt“ bringt die lähmende Aussichtslosigkeit einer Depression wahrscheinlich am besten auf den Punkt. Ich denke dabei an meine kalte Anderthalb-Zimmer-Altbauwohnung im Prenzlauer Berg, in der ich einige Jahre gewohnt habe. Die Praxis meiner ersten Psychotherapeutin war gleich um die Ecke. Dort habe ich Unterstützung darin gefunden, meine eigenen Bedürfnisse nicht nur wichtig, sondern überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Und ich habe gelernt, dass das, was ich als „depressive Phasen“ empfinde, etwas ist, womit ich trotzdem leben kann. Ich habe Muster erkannt und nehme Situationen seitdem nicht mehr als so bedrohlich wahr wie vorher. Die Episoden, die meist von Zukunftsangst und finanziellen Nöten getriggert wurden, sind über die Jahre deutlich seltener geworden.
 
Weil Du gerade Finanzielles angesprochen hast: Man kann Dich und Dein Schaffen via Patreon, www.patreon.com/svenvanthom, unterstützen. Amanda Palmer setzt schon seit längerem vollständig auf diese Plattform und braucht gar keine Plattenfirma mehr. Auch Judith Holofernes oder Tom Liwa nehmen diese Support-Möglichkeit, von der beide Seiten etwas haben, in Anspruch. Erklär‘ doch mal für alle Unwissenden, was genau das ist, und warum es sich lohnt!
 
Patreon ist eine Internetseite, über die man Menschen, die künstlerisch tätig sind, unterstützen kann. Wie beim herkömmlichen Crowdfunding, bekommt man dafür auch eine Gegenleistung, aber die Unterstützung bezieht sich nicht auf einzelne Projekte, wie z.B. eine Plattenveröffentlichung, sondern es läuft eher wie ein Abo. Bei mir ist es so, dass man ab 3 Euro monatlich Zugang zu meinem „Archiv“ hat: Ich poste bis zu dreimal im Monat entweder einen neuen Song oder einen, der seit langem unveröffentlicht auf meiner Festplatte verharrt. So wächst dieses Archiv stetig, und die einzelnen Lieder werden auch immer von einer ausführlichen Geschichte begleitet, in der ich Details und/oder Erinnerungen in Bezug auf das jeweilige Lied preisgebe. Einerseits habe ich großen Spaß daran, meine alten, zum Teil sehr abwegigen Songs zu teilen, und ich freue mich, wenn die sogenannten „Patrons“ das kommentieren und darüber herumnerden. Andererseits ist auch der finanzielle Aspekt natürlich nicht zu unterschätzen. Ich habe meine Patreon-Seite eingerichtet, als ich noch lange nicht geahnt hatte, dass ich für den Rest des Jahres 2020 nicht werde auftreten können. Als dann irgendwann klar war, dass meine jährlichen Einnahmen sich plötzlich erheblich dezimieren würden, war das, was über Patreon reinkam, eine kleine Sicherheit, mit der ich zumindest einen Teil meiner Fixkosten bezahlen konnte.
 
 
Das Finale „Sie ist immer noch hier“ ist ein Liebeslied aus der Perspektive eines lethargischen Losers, der es nicht begreifen kann, dass seine Herzensdame trotzdem bei ihm bleibt. Wie kamst Du darauf?
 
Zwei meiner All-Time-Favourites, Lee Hazlewood und Eels-Mastermind Mark Oliver Everett, vereinen beide den Hang zu eingängigen, manchmal gar simplen Melodien, und die Macke, sich in ihren eigenen Songs als Versager darzustellen. Eine Herangehensweise, die mir seit jeher sehr sympathisch ist. „Sie ist immer noch hier“ steht für mich in einer Tradition von letzten Liedern auf meinen Alben. Auf „Phantomschmerz“ war es die Trennungsballade „Wenn Du gehen willst“, auf „So geht gute Laune“ das ähnlich selbstzweifelnde „Was willst Du denn mit dem?“. „Sie ist immer noch hier“ fragt erstaunt, wie es kommt, dass der Protagonist tatsächlich von einer Person dauerhaft geliebt werden kann. Die Antwort bleibt das Lied schuldig. Keine clevere Wendung, aber immerhin die Gewissheit, trotz der eigenen Selbstzweifel geliebt zu werden. Ein fast schon versöhnlicher Schluss.
 
Auf besondere Weise versöhnlich ist auch das Album-Artwork: Im Eröffnungsstück heißt es: „In Deinem Ohr verpasst Dir eine Stimme einen Stich / Und sagt: Verlieb Dich bloß nicht in mich“. Das Coverartwork zeigt, dass „einen Stich versetzen“, sogar in gebündelter Form, letztendlich doch noch zu etwas Gutem führen kann – auch wenn es oft eine ganze Zeit dauert, bis sich die einzelnen losen Fäden zu einem stimmigen Bild zusammenfügen. In diesem Fall: Ein mit „Liebe & Depression“-Schriftzug besticktes Kissen. Wer hat denn dieses Kunstwerk erschaffen?
 
Die Nadel-und-Faden-Künstlerin heißt Anita Scheiner und ist im Internet unter dem Namen Frau Scheiner eine erfolgreiche Macherin in DIY-Kreisen. Vor über 10 Jahren haben Anita und ich gemeinsam in einer WG in Berlin gewohnt. Ich hatte vorerst nur die vage Vorstellung, ein gesticktes Kissen für das Cover-Artwork haben zu wollen. Die Details habe ich mit Anita am Telefon besprochen, aber im Großen und Ganzen hat sie nicht nur die sprichwörtlichen Fäden in die Hand genommen und das Bild konzipiert. Ich musste bloß noch sagen: „Finde ich super“, oder: „Kannst Du an der einen Stelle ein dunkleres Garn nehmen?“
 
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Hier kann man, untermalt vom „Liebe & Depression“-Albumtrack „Ich bin nicht die, die weint“, sehen, wie das gestickte Kissen-Kunstwerk entstanden ist:
 
 
Welche drei Songs zu den Themen „Liebe“ und/oder „Depression“ hättest Du gerne selbst geschrieben?
 
„My Autumn’s Done Come“ von Lee Hazlewood, „Der letzte Optimist“ von Judith Holofernes und „Letztes Jahr im Sommer“ von Tocotronic. Alles Lieder, die eher zur Depression passen. Mit meinen eigenen Liebesliedern bin ich halbwegs zufrieden – da brauche ich keine Fremdkompositionen!
 
Was ist der beste Rat, den Du zum Thema „Liebe“ geben kannst?
 
Kann man zum Thema „Liebe“ überhaupt etwas raten? Sollte man das überhaupt? Und wenn ja: Wurde ein Ratschlag zum Thema Liebe jemals dankend angenommen? Frag‘ einen Soziologen, eine Hirnforscherin und einen Biologen zur Liebe, und Du bekommst drei völlig unterschiedliche Abhandlungen als Antwort. Auf dem aktuellen Album von Laura Marling, „Song For Our Daughter”, heißt es: „Love is a sickness cured by time”. Das fand ich erst einmal lustig, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie damit auch Recht hat. Aber was wir alle wissen, ist, dass das anfängliche Gefühl des Verliebtseins nicht von Dauer ist – nach spätestens anderthalb Jahren hat sich der Hormonhaushalt wieder auf Normalniveau eingependelt, und entscheidend ist, was dann noch übrigbleibt. Irgendwann ist Liebe nicht mehr bloß ein überwältigendes Gefühl, das einen komplett vereinnahmt, sondern auch eine Entscheidung. Aber gut, Du hast nach einem Rat gefragt, den ich selber geben kann! Los geht’s: Genieße und probiere aus, gib nicht sofort auf, wenn’s mal unangenehm wird, aber verbeiße Dich auch nicht in einer Liebe, die Dir nicht gut tut. Und vor allem, höre nicht auf Leute, die Dir Ratschläge zum Thema Liebe geben! Christiane Rösinger meinte: „Liebe wird oft überbewertet“, John Lennon meinte: „All You Need Is Love“. Ich glaube, beide hatten Recht.
 
 
SVEN VAN THOM
„LIEBE & DEPRESSION“
VÖ: 05.02.2021
(u.a. HIER käuflich zu erwerben)
 
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Interview: Jason Falkner – „Every day in the studio with Paul McCartney was a pinch myself adventure!“

Interview: Eric Pfeil über „13 Wohnzimmer“

Eigentlich war Eric Pfeil schon vor gut 15 Jahren in unzähligen Wohnzimmern zu Gast, zumindest indirekt – als ausgesprochen kreativer Produzent der ebenso unkonventionellen wie unvergessenen, grimmepreisdekorierten VIVA Zwei-Sendung „Fast Forward“. Heute ist er freier Autor (u.a. für FAZ und SPIEGEL Online), Musiker und gewährt für den Rolling Stone regelmäßig erleuchtende Einblicke in sein „Pop-Tagebuch“, das auch in Buchform erschienen ist („Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“, Kiepenheuer & Witsch, 2010). Und nun veröffentlicht der 1969 in Bergisch Gladbach geborene Adriano Celentano unter den deutschen Feuilletonisten „das erste Album der Popgeschichte, das ausschließlich in fremden Wohnzimmern aufgenommen wurde“. Zugegeben: Der Celentano-Vergleich mag ein bisschen weit hergeholt wirken, aber Pfeil lässt den Hörer in diesen dreizehn neuen Songs so nah an sich heran, dass man ihm die Freude dieser etwas übertriebenen Analogie nur allzu gerne macht.

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Dass nicht nur Wohnzimmer in Städten mit ohnehin chronischem Konzertüberangebot (Köln, Hamburg, München, Berlin) auf dem Tourplan standen, sondern auch Hamelspringe (860 Einwohner) oder das an der Sächsischen Weinstraße gelegene Sörnewitz (600 Einwohner), dürfte potentielle Zweifel an der experimentellen Ernsthaftigkeit des Projektes vollständig ausräumen. Es ging auf der Wohnzimmer-Tour im Frühjahr 2017 um die Schönheit des Ungeschminkten und Unvorhersehbaren; um die Bereitschaft auf Tour zu scheitern als Tor zum exakten Gegenteil. Konsequenterweise wurde in der Nachbereitung der Aufnahmen nichts editiert, nichts optimiert – bis auf den Sound: Produzent Lorenz Naumann hat die Wohnzimmeraufnahmen auf alte Tonbänder überspielt. Der Klang ist warm, aber angenehm légère – wie eine Kaschmirdecke aus Luftmaschen.

Die Lieder hingegen sind mitunter brokatschwer; die zwischen Irritation und Ergriffenheit oszillierende Publikumsemotion spürbar, wenn Pfeil „Um einen Sarg zu tragen, braucht man vier Leute“ singt. Die Lösung der Anspannung liegt – nicht nur im Wohnzimmermilieu – im Alltäglichen, Pragmatischen („Die Schneiderin sagt, sie schafft den Anzug bis Dienstag um zehn“). Auf dem Album metaphorisch dargestellt durch charmant umfallende Bierflaschen, in das Spektakel stoisch hineinläutende Kirchenglocken (so geschehen im mit Maxi Pongratz von der Band Kofelgschroa dargebotenen „Im regenärmsten Tal“) oder durch die vernehmbar im Hintergrund stattfindende Sekunden-Eskalation übermüdeter Gastgeberkleinkinder. Die Gastgeber hatte man übrigens bewusst kontrastreich ausgesucht: „Vegane Hipster, die auf dem Land den Kleinfamilienentwurf leben, links-bürgerliche Gutverdiener-Paare, aufgekratzte Party-WGs und alleinstehende Herren mit Vinyl-Fimmel.“

Vier der Stücke auf „13 Wohnzimmer“ spielt Pfeil alleine auf der Akustikgitarre, bei den restlichen neun wird er von ebenso sympathischen wie versierten Gästen unterstützt (es wurde maximal einmal gemeinsam geprobt, kurz vor dem Auftritt). Mit dabei: Ekki Maas und Wolfgang Proppe von Erdmöbel (letzterer spielt Akkordeon auf „In deinen Augen sehn“), die bayerische (Nicht-nur-)Violinistin und Schauspielerin Maria Hafner und die Kaufbeurer Klampfenkoryphäe Philip Bradatsch (ein Höhepunkt des gemeinsamen Musizierens mit ihm ist das hinreißende „Vielleicht das ganze Jahr“). Auch Pfeils Bookerin Anna Nocon singt und spielt Kalimba, Alfred Jansen, der die gesamte Tour gefilmt und zu einem hervorragenden einstündigen Dokumentarfilm destilliert hat, ist auf „Ein Lied ist wie ein nackter Mann“ und „Leute, die’s eilig haben“ am Bass zu hören. Mit anderen Worten: Die Wohnzimmer waren in jeglicher Hinsicht gut gefüllt – und die Herzen danach auch. Weil in den Köpfen aber noch die eine oder andere Frage herumschwirren dürfte, hat Eric Pfeil die folgenden netterweise beantwortet:

Im Booklet zu 13 Wohnzimmer schreibst Du, dass Du Alben besonders magst, die ungeschminkt den Charme des Unmittelbaren einfangen (von Syd Barrett über die ‚Basement Tapes‘ bis hin zum Neunziger-Lo-Fi-Pop) – mit all seinen sympathischen Unzulänglichkeiten, aber auch all der Nähe, die auf einer optimierten Studioaufnahme kaum möglich ist. Wie schwer ist es dennoch, als Künstler seine Komfortzone zu verlassen und sich auf so ein Experiment einzulassen?

Ich fand das mitunter schon schwierig. Vor allem für jemanden wie mich, der weder zum Kumpeltum noch zu Gemütlichkeit neigt. Aber es ging da genau um diese Spannung: mit textlich oft sperrigen Liedern an einem vermeintlich gemütlichen Ort zu spielen und diese Spannung auszuhalten. Es bleibt ja trotzdem auf Gastgeberseite diese Erwartung bestehen, dass es ein schöner Abend wird. Und wenn man dann mit Songs über Särge und Katastrophen-Paare um die Ecke kommt, die sich ins Private zurückziehen und langsam anfangen zu Hause vor sich hinzukompostieren, dann kann das schon aufeinanderknallen.

Hast Du Dich in den Wohnzimmern am wohlsten gefühlt, die Deinem eigenen am ähnlichsten waren? Oder war bezüglich des Wohlfühlens dann doch der Faktor Zuschauerschar der entscheidende?

Es lag letztlich daran, wie sich der Abend entwickelt hat. Oft fand man sich in vermeintlich sicherem Umfeld wieder – z.B. in Plattensammlerwohnungen –, hatte aber sehr skeptische Leute im Raum sitzen. Ich habe ja nahezu ausschließlich vor dem Freundeskreis der jeweiligen Gastgeber gespielt. Es war letztlich schon überall im Großen und Ganzen angenehm. Richtig toll war es aber immer dann, wenn der Abend – eben durch dieses Konzert, das ich dort gespielt habe – eine ganz eigene Dynamik bekommen hat. Manchmal kippte das Ganze später in eine Party – oder in eine spontane Whiskeyverkostung. Manchmal saß man am Ende auch in illuminiertem Zustand auf dem Gastgebersofa und bekam Platten vorgespielt.

Früher erkannte man das Wohnzimmer an der Feuerstelle bzw. am Kamin. Über welche Komponenten muss Musik verfügen, um Dich entflammen zu lassen? Welcher aktuelle Song oder welches aktuelle Album hat das zuletzt geschafft?

Ich mochte das letzte Album von Jeb Loy Nichols sehr. Oder „Hungry Ghost“ von Hurray For The Riff Raff ist ein großartiger flirrender Song. Die letzte Platte von Nikki Lane hat mir wieder sehr gefallen, wobei ich die vor allem live sehr mag. Ich höre gerade viel Musik von Frauen, fällt mir auf. Aldous Harding, eine Neuseeländerin mit, gelinde gesagt, sehr exaltiertem Bühnengebaren, mag ich. „Imagining my Man“ etwa, das sind beinahe schon Kunstlieder. Was noch? „So wie ein Liebender“ hat mich umgehauen – Tilman Rossmy hat da für die neue Platte von Die Regierung Lloyd Coles „Like Lovers Do“ eingedeutscht. Eigentlich hat er einfach nur eins-zu-eins den Text übersetzt, sehr lässig. Tilman Rossmy ist ohnehin einer der wenigen deutschen Texter, die ich mag. Aber ich höre überwiegend alte Musik. Im Moment mal wieder sehr viel Mina. Von allen italienischen Sängerinnen die tollste und divenhafteste.

Es ist bekannt, dass Du die italienische Lebensart sehr schätzt. Die Wohnzimmerkonzertaufnahme scheint, dazu passend, die mediterranste Form des Einspielens zu sein – familiär, gemütlich, spontan, zwanglos und trotzdem: aufregend. Welche sind (außer der Textzeile Ciao ragazzi, hier endet der Sommer) die italienischsten Momente auf Deinem Album?

Jetzt habe ich ja eben selbst quasi aus Versehen übergeleitet! Mir geht es nicht um diese touristische Wahrnehmung von Italien. Ich bin einfach großer Fan einer untergegangenen Popkultur, die dort von den 50er bis in die frühen 80er Jahren gepflegt wurde. Da geht es zum einen um die Musik, die in dieser Zeit sehr viele musikalische Freigeister produziert hat – Celentano oder Lucio Battisti, um nur zwei zu nennen. Vor allem aber geht es mir um das italienische Kino. Das war eine riesige Filmindustrie – das Hollywood am Tiber. Auf dem neuen Album gibt’s einen Song, „Zuckergewehr“, das ist so ein bisschen eine Italo-Western-Hommage. Klingt allerdings gar nicht so, weil ich auf diese Klischee-Sounds verzichten wollte.

Du hast bei Deinen Wohnzimmerkonzerten ausschließlich neue Songs gespielt. Bei welchem der Stücke warst Du besonders gespannt auf die Reaktionen des Publikums und warum?

Viele Songs drehen sich um Todesfälle in meiner Familie, da hat es in jüngerer Vergangenheit arg gerappelt. Es gibt da Songs wie „Um einen Sarg zu tragen, braucht man vier Leute – zum Drinliegen nur einen“. Aber auch „Leute, die’s eilig haben“. Ich hab ja mein erstes Album bereits in recht fortgeschrittenem Alter aufgenommen, und meinen Stücken sind wohl immer Themen wie „Älterwerden“ eingeritzt. Ich bin aber selbst großer Fan von Musik, in der solche Themen verhandelt werden. Meine Helden sind Leute wie Robert Forster oder Robyn Hitchcock – und das sind nur zwei Songwriter, die es wunderbar hinbekommen haben, sogenannte Erwachsenenthemen in Popsongs zu verhandeln.

Könntest Du die Textzeile Ein Lied ist wie ein nackter Mann / Man kann einem Lied nicht in die Tasche fassen mal genauer erklären?

Der berühmte Physik-, Chemie- und Agrarwissenschafts-Nobelpreisträger Bob Dylan hat irgendwann in den Sechzigern mal gesagt: „A poem is like a naked man“. Den Satz mochte ich sehr. Und man sagt ja: Man kann einem nackten Mann nicht in die Tasche fassen. Das gilt dann wohl auch für Gedichte und Songtexte. Es geht ums Sich-nicht-fassbar-machen in der Kunst, wenn man so will.

Womit kannst Du aus jedem Raum Dein Wohnzimmer machen?

Kann man nicht. Egal, wie lange man da spielt – es bleibt ein Raum, in dem man zu Gast ist. Schlicht auf Einrichtungsfragen bezogen: Dann würde ich einfach eine Adriano-Celentano-Platte an die Wand lehnen, das könnte schon helfen.

Wen würdest Du gerne mal in Deinem eigenen Wohnzimmer konzertieren lassen?

Ich bin ja gar nicht so ein Fan von Wohnzimmerkonzerten. Auch deshalb habe ich die Platte wohl in ebensolchen aufgenommen, so komisch das klingen mag. Aber ich denke, Robert Forster würde meinem Wohnzimmer sehr gut stehen bzw. umgekehrt.

Welche Wohnzimmertour-Erinnerungen/-Anekdoten werden Dir vermutlich auch nach Jahren noch im Gedächtnis bleiben?

Oh, so viele. Lorenz Naumann, der Produzent der Platte, musste sein Aufnahme-Equipment an den seltsamsten Orten aufbauen. Die Wohnungen waren oft auch sehr eng. Manchmal saß er im Bett. Nach den Konzerten, wenn es bisweilen hoch herging, war Lorenz vom Aufnehmen so erschöpft, dass er irgendwo in der Wohnung eingeschlafen ist. Wir mussten ihn dann am frühen Morgen oft suchen… Es gab viele tolle Begegnungen – mit den Gastgebern selbst, aber auch mit deren Freunden. Mit vielen Leuten stehe ich immer noch in Kontakt und werde den hoffentlich auch halten.

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ERIC PFEIL
„13 WOHNZIMMER“
VÖ: 16.6.2017

ERIC PFEIL live:
16.06.2017 KÖLN,
23.06.2017 BERLIN, Privatclub*
01.07.2017 KREFELD, Kulturrampe*
07.07.2017 DÜSSELDORF, Hütte 91*
04./05.08.2017 KÖLN, IndieCologneFest

Review: Ryan Adams – „Prisoner“

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Photo: Rachael Wright

Eine Gefängniszelle, irgendwo in L.A. Vor einer schweren Tür patrouilliert die Liebe, mit einem Schlüssel aus kaltem Metall in der Faust, um genau zu sein: zwischen Ringfinger und Mittelfinger. Der Schlüssel vermag nicht nur die Zellentür zu öffnen, sondern auch das Herz des Insassen Ryan Adams. Darin: Die Sehnsucht nach diesem einen besonderen Menschen, von dem man nie mehr losgelassen werden will. Oder zumindest wollte. Größtmögliche Emotionen auf kleinstmöglichem Raum, das Gefängnis als Himmel und Hölle zugleich. Dieser Vierzeiler muss dafür geschrieben worden sein, jenes Paradoxon zu illustrieren:

Lying in the heat of the night
Like prisoners all our lives
I get shivers down my spine

And all I wanna do is hold you tight

Bei dem Autor dieser Lyrics handelt es sich allerdings nicht um Ryan Adams, sondern um Bruce Springsteen. Könnte sein, dass Adams den dazugehörigen Song „Drive All Night“ vom 1980 erschienenen Album „The River“ hörte, als er sich die Scheidung von Mandy Moore von der Seele joggte. Es ist zumindest bekannt, dass er sich beim kathartischen Dauerlauf vor allem vom Boss und von AC/DC akustisch begleiten ließ. Musikalische Kongruenzen mit den Australiern, die schon seit 1973 auf dem Highway To Hell unterwegs sind (also ein Jahr länger als Ryan Adams, Dank dessen Werk „Love Is Hell“ wir kombinieren können, dass die Schnellstraße zur Hölle eigentlich in Richtung Liebe führt), findet man auf „Prisoner“ höchstens im Riff von „Do You Still Love Me?“.

Und tatsächlich: Adams wollte nach eigenen Angaben in besagtem Opener „Fly On The Wall“ von AC/DC mit „I Want To Know What Love Is“ von Foreigner fusionieren. Weil eine Trennung traditionell mit dem Zustand des Nicht-wahrhaben-Wollens beginnt, fragt er sich in dem Lied, ob sein Herz eventuell plötzlich erblindet sei. Wie sonst sollte es zu erklären sein, dass er die Liebe seiner Herzensdame nicht mehr spürt? Er muss investigativ nachfragen. Ob seine Verflossene, die er selbstverständlich Babe nennt, ihn denn immer noch liebt, will er im Powerballaden-Modus wissen – obwohl sein Kopf die Antwort doch schon längst kennt. Genauso paradox wie die Sache mit dem Gefängnis.

Absolut einleuchtend ist hingegen der Gedanke, dass „Prisoner“ nicht nur als Ryan Adams‘ 16. Studioalbum in dessen Diskographie eingehen wird, sondern auch als seine Springsteen-Platte (dessen „Streets Of Philadelphia“ der 42-Jährige übrigens beim Album-Preview-Konzert im berühmten Londoner Plattenladen „Rough Trade“ coverte). Besonders hervorzuheben: „Shiver And Shake“ in seiner Rolle als logische Umkehrung von Springsteens „I’m On Fire“, und die akustische Intarsienarbeit „Tightrope“, die sich nach alten Zeiten zurücksehnt und mit der Eröffnungszeile „Strong winds / And my head’s on fire“ plus Clarence-Clemons-Gedächtnis-Saxophonsolo bezüglich etwaiger Inspirationen keinen Interpretationsspielraum lässt. Auch „Haunted House“, „Outbound Train“ und „Doomsday“ (Die Mundharmonika!) könnte locker der Boss geschrieben haben, circa „Nebraska“-Ära. Adams hat zudem die tapfere Springsteen-Intonation adaptiert. Wie beruhigend, dass bei diesem charakteristischen, druckvollen Raunen auch nach der Trennung von der Liebsten doch wenigstens noch die eigenen Zähne feste zusammenbleiben.

Free my heart
Somebody locked it up
Still waiting on parole
I can taste the freedom just outside that door
(…)
I am a prisoner for your love

Der Titeltrack ist hinreißender Paisley-Muster-Pop mit Americana-Accessoires und klingt wie ein verlorener Travis-Song aus „12 Memories“-Zeiten. „Breakdown“ würde sich auch auf einem Neil-Young-Album hervorragend einfügen und das bereits erwähnte „Outbound Train“ täuscht mal eben zu Beginn eine Akustik-Version von „Summer Of ’69“ an – seinen Humor hat Ryan Adams also nicht verloren. Trotz all der Referenzen stehen die 12 Spurensicherungs-Songs für sich und haben ihre ganz eigene Geschichte, die so umfangreich ist, dass fast 80 neue Stücke zur Auswahl standen. Musikalisch blieb dafür weitgehend alles beim Alten.

Don Was (u.a. Rolling Stones, Bob Seger, Glenn Frey, Jackson Browne, Bob Dylan) hat das Album produziert, das zwar nicht, wie vielfach zu lesen ist, das beste seit Adams‘ Solodebüt „Heartbreaker“ ist („Gold“ bleibt nach wie vor sein unübertroffenes Meisterwerk), aber dennoch ein ausgesprochen gutes. „I feel like I’m leaving a map for people if they are in a hard place“, sagte Adams der BBC über sein neues Werk. Sehr sympathisch.

Auch sympathisch: Auf „Prisoner“ wird nicht glorifiziert, sondern dokumentiert. Die Drums von „To Be Without You“ gleichen einem exakten Uhrwerk, das die seit der Trennung vergangenen Sekunden zählt; die Akustikgitarre umrankt mitfühlend Adams‘ Bekenntnisse. Man wünscht ihm eine feste Umarmung, wenn er mit herzzerreißender Ernüchterung „Every night is lonesome and longer than before“ klagt. Die Arrangements sind so geradlinig wie der endgültige Schlussstrich unter der Beziehung von Adams und Moore, passend zur Trennung hat er das Album weitgehend alleine aufgenommen. Dem NME gab er zu Protokoll: „The theme of the record is, that we’re all prisoners of some desires – the very things we love  are the things that hold us hostage and keep us trapped. Either we are the cage or we’re in the cage.“ Diesbezüglich kam Bruce Springsteen auf seinem Album „Lucky Town“ (1992) im Song „Living Proof“ zu folgender Erkenntnis:

You shot through my anger and rage

To show me my prison was just an open cage

 Die offene Käfig-Tür sieht Adams während der 42 Minuten von „Prisoner“ nicht. Stattdessen stellt er sich zum Finale vor, sich als Ex-Paar einfach in Luft aufzulösen. Während er in fast beschwörerischem Tonfall „We Disappear, we disappear“ singt, lacht eine Frauenstimme unverblümt in den Abspann hinein – ganz und gar nicht aufgelöst, sondern ganz im Gegenteil: so gelöst, dass man kaum deuten kann, ob es sich um einen First-Date-Flashback oder um einen letzten Dolchstoß handelt. Genau diese emotionale Ambivalenz bei absoluter musikalischer Eindeutigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die 12 Songs zieht, ist eine der großen Stärken von „Prisoner“. Auch wenn man sich Ryan Adams selbst als rein symbolischen Gefängnisinsassen nur schwer vorstellen kann – die (musikalische) Bewährung hat er schließlich schon lange hinter sich. Aber eines ist gewiss: Die Herzschellen werden wieder zuschnappen. Everybody’s got a hungry heart.

RYAN ADAMS // „PRISONER“ // CAPITOL / UNIVERSAL // VÖ: 17.02.2017

Review & Interview: THE CAPER

1993 lieferte ein gewisser Ralph Gasser an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich den Beweis: Wenn keiner der beiden Spieler einen Fehler macht, endet das Brettspiel Mühle immer unentschieden.

Bei Alleinspieler Florian Jakob alias The Caper ist das ein bisschen anders: Er macht auch alles richtig, klingt dabei aber keineswegs unentschieden und seine Mühe endet in einem äußerst bemerkenswerten Debütalbum namens „Compendium Of Games“. Die mit einem hinreißenden Artwork versehene „Spielesammlung“ sorgt nicht nur für beste Unterhaltung, sondern huldigt gleichzeitig einer ganzen Reihe spielfreudiger Gewinnertypen: Ben Folds, Jeff Lynne und seinem Electric Light Orchestra, den Beach Boys und ganz besonders Paul McCartney.

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(Foto: Florian Jakob)

Die Würfel waren früh gefallen: Florian Jakob, Jahrgang 1977, war bereits mirakulöser Multiinstrumentalist, versierter Vierspurgerätbesitzer und passionierter Plattensammler lange bevor er Abiturient am Viscardi-Gymnasium in Fürstenfeldbruck wurde. Mit der oberbayerischen Stadt hatte die Zunft der Musikhistoriker bislang maximal den gleichnamigen Song der Spider Murphy Gang assoziiert – „Ja, sie wui so gern wieder hoam, nach FFB“. Florian hingegen wollte weg. Bei aller geografischen Entfernung lag nichts näher als ein Studium am von Paul McCartney gegründeten Liverpool Institute For Performing Arts. „You can learn how to play the game / It’s easy“, hatten die Beatles schließlich einst in „All You Need Is Love“ verkündet (und damit so ganz nebenbei das alte Sprichwort „Pech im Spiel – Glück in der Liebe“ und seine Umkehrung widerlegt). In McCartneys ehemaligem Grundschulgebäude, das im Laufe der Jahrzehnte vermutlich so manches Gesellschaftsspiel bezeugt hatte, studierte Florian Jakob von 1998 bis 2002 – insbesondere das Klavierspiel.

Zum Thema „Spiel“ haben die Philosophen so einiges zu sagen. Platon zum Beispiel: „Beim Spiel kann man den Menschen in einer Stunde besser kennenlernen, als im Gespräch in einem Jahr.“ Bei The Caper reicht sogar eine gute halbe Stunde für eine Bekanntschaft mit bleibendem Eindruck. Er hat „Compendium Of Games“ komplett alleine eingespielt (wie übrigens auch McCartney sein Debüt aus dem Jahr 1970), in verschiedenen Proberäumen und in seinem auf 4,5 Kellerraum-Quadratmetern, zwischen Waschmaschine und Trockner eingerichteten Tonstudio in seiner Wahlheimat Hamburg. Die 12 Songs sind eine Art „Best Of“ der letzten 8 Jahre seines Schaffens – auch in dieser Hinsicht passt der Titel „Spielesammlung“ ausgezeichnet.

Zu dem Namen „The Caper“ hat Florian Jakob eines seiner favorisierten Filmgenres inspiriert, die sogenannten „Caper-Movies“ – clevere Gangsterfilme, wie z.B. „Der Clou“. Doch auch wenn die Referenzen an seine Helden unüberhörbar sind, ist der 39-Jährige selbst eindeutig kein Gangster, der bloß Ideen anderer klaut, sondern vielmehr ein hingebungsvoller Bewunderer, der clever genug ist, um seine ganz eigenen Songperlen zu erschaffen. Obwohl die hervorragende Single „M’s Collection“ ein veritables Hochstapler-Lied ist: „Ich musste beim Schreiben des Songs an einen Freund von früher denken, der immer ganz tolle Sachen hatte“, erzählte Florian Jakob im Gespräch mit Musikexpress-Redakteur Jochen Overbeck. „DJ-Plattenspieler, fünfsaitige Kontrabässe, den Soundtrack von ‚Die Vögel‘. Wenn man ihn besuchte, waren die Sachen aber immer zur Reparatur oder dem Halbbruder geliehen.“

Keineswegs reparaturbedürftig: Die Hitdichte auf „Compendium Of Games“. Die ist nämlich gigantisch, und es ist nahezu unmöglich, alle memorablen Melodien, swingenden Tastenenthusiasmen und blütenhonigsüßen, maßkonfektionierten Harmoniegesänge aufzuzählen. Florian Jakob gelingt zeitloses Songwriting allererster Güte – voller Witz, Charme und Eleganz. Während Ben Folds „Still Fighting It“ für seinen Sohn und „Gracie“ für seine Tochter schrieb, komponierte The Caper „Welcome“ und „She Better Be“ für seine beiden Kinder. Im Refrain von „She Better Be“ macht er aus dem McCartney-Debüt-Songtitel „Maybe I’m Amazed“ die in ihrer Zweifelsfreiheit absolut überzeugte und überzeugende Zeile „I know we’ll be amazed“. Er gönnt sich eine Queen-Gitarre als schillerndes Accessoire in „Fallin‘ In“, eine sanft gezupfte Nick-Drake-Gitarre in „More Than Halfway There“ und zelebriert mit „Rosedawn“ gleichermaßen Melancholie (musikalisch) und Optimismus (lyrisch). Nicht weniger als ein perfekter Popsong.

Mit anderen Worten: Florian Jakob würfelt eine Sechs nach der anderen, hat die ruhigste Hand beim Mikado und gewinnt souverän jede Backgammon-Partie. Aber mit diesem fantastischen Debüt dürfte er vor allem eines gewinnen: Herzen. Und zwar jede Menge. Oder um den Künstler persönlich, genauer gesagt aus seinem Song „77 Hours“ zu zitieren – einer weiteren lyrischen Hommage an die Beatles: A splendid time is guaranteed!

The Caper

„Compendium Of Games“

DWEDA/Oomoxx

VÖ: 9. September 2016

www.thecaper.de

The Caper bei FACEBOOK

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(Foto: Anna Jakob)

INTERVIEW MIT FLORIAN JAKOB ALIAS „THE CAPER“

Welchem Spiel aus der klassischen Spielesammlung entspricht Deine Musik am ehesten und warum?

Da fällt mir spontan Backgammon ein. Bei Backgammon kann man schön planen und sich clevere Züge überlegen, am Ende ist man aber dann doch komplett seinem Würfelglück ausgeliefert. So fühlt sich das beim Aufnehmen auch oft an. Das gleiche Mikrofon am gleichen Platz mit dem selben Instrument klingt manchmal perfekt und man freut sich, wie gut alles flutscht und läßt sich inspirieren. Manchmal funktioniert es aber trotz guter Erfahrungswerte und einem theoretisch guten Plan aber einfach überhaupt nicht. Und, wie bei Backgammon: Je besser man am Anfang gearbeitet hat, desto leichter ist es am Ende, alles einzutüten, z.B. Mischen, Vocal-Arrangements, etc.

Gibt es einen Song auf Deinem Album, der Dir besonders wichtig ist oder zu dem es eine besondere Anekdote gibt?

Wenn ich mir einen Song als besonders wichtig herauspicken müsste, dann müssten es eigentlich gleich zwei sein: „Welcome“ und „She Better Be“. Die sind beide als Geschenk für meine Kinder zum nullten Geburtstag entstanden. Bei beiden Texten habe ich also etwas raten müssen, was die beiden so für Persönlichkeiten haben könnten. Bis jetzt liege ich da aber, glaube ich, insgesamt einigermaßen richtig…

Gibt es für Dich ein Schlüsselerlebnis, das Deine Liebe zur Popmusik entfacht hat?

Zweierlei: Zum einen erinnere ich mich sehr gut noch daran,wie gebannt und fasziniert ich war, als ich zum ersten Mal Platten (meiner Eltern) auf meinem ersten Plattenspieler auflegen konnte. Die klassische Kindermusik, wie z.B. Rolf Zuckowski, gab es bei uns nie, ich bin also direkt mit Popmusik eingestiegen.
Und das andere Schlüsselerlebnis, das mich dazu gebracht hat, überhaupt selbst Musik aufzunehmen, war der Kauf eines Vierspurrekorders. Damit hatte ich auf einmal (gefühlt) unendliche Möglichkeiten, richtige Songs aufzunehmen. Aber die musste man sich dann natürlich erst mal ausdenken.

Welche Künstler bzw. Alben haben Dich am nachhaltigsten geprägt?

Auf jeden Fall ganz vorne: die Beatles. Eigentlich beinahe alle Alben. Zuerst aber der „Help!“-Soundtrack. Die Platte war die erste, die ich zuhause immer wieder gehört habe. Nicht zuletzt auch wegen dem Film „Hi-Hi-Hilfe“, den meine Großeltern auf VHS aufgenommen hatten.

In die gleiche Zeit (für mich als Entdecker) fällt „Time“ vom Electric Light Orchestra. In Verbindung mit dem Cover war das für mich faszinierende Weltraummusik aus der Zukunft.

Später dann „The Southern Harmony And Musical Companion“ von den Black Crowes. Da fand ich absolut alles toll, wäre am liebsten sofort bei der Band eingestiegen. Wahrscheinlich die Band, die ich am häufigsten live gesehen habe.

„Tumbleweed Connection“, meine erste Auseinandersetzung mit Elton John. Beinahe perfekte Platte vom sehr jungen Elton. Super Band, tolle Songs, unfassbar toller Sound und weniger Schnickschnack als vorher und nachher. Wahrscheinlich die unbekannteste Platte von ihm aus der supertollen sehr frühen Phase, ohne nachhaltigen Hit.

Die erste Lenny-Kravitz-Platte „Let Love Rule“ gehört zu meinen absoluten Favoriten. Da habe ich das erste Mal gehört/gelesen, dass man das tatsächlich auch Spur für Spur alles alleine machen kann und am Ende trotzdem alles genauso gut, wenn – wie in diesem Fall – nicht gar besser, und alles perfekt abgestimmt sein kann.

„Whatever And Ever Amen“ von Ben Folds Five war dann genau alles, was ich schon immer mochte. Kleine Band, jede Menge Klavier und Backing-Gesänge, wahnsinnig tolle Songs mit ebenso interessanten und cleveren Texten. Und das Ganze vollkommen unprätentiös und trotzdem voller Überraschungen und Momente, bei denen einem das Herz aufgeht. Könnte ohne Weiteres eine Best-Of-Platte einer verdammt guten Band
sein.

Der „Magnolia“-Soundtrack von Aimee Mann. Aimee Mann habe ich erst durch den Film kennengelernt. Ihre Version von „One“ direkt im Vorspann und auch alle anderen Songs auf dem Soundtrack sind so zeitlos geschmackvoll geschrieben, gespielt, gesungen und arrangiert, dass es eine wahre Freude ist.

„United“ und „Alphabetical“ von Phoenix. Habe ich mir gleichzeitig gekauft. „Alphabetical“ ist am Stück das bessere Album zum Durchhören ohne Ausfälle, trotzdem hat „United“ ein paar Songs, die sogar noch toller sind. Phoenix schaffen es regelmäßig, von mir als eher uncool abgetane Sounds so toll zu verwenden, dass ich mich fast ärgern muss, dass mir das nicht selbst eingefallen ist.

„Chaos And Creation In The Backyard“ von Paul McCartney. Mit einigem Abstand die allertollste McCartney-Solo-Platte. Nur gute Songs, endlich mal wieder durchgehend auf Beatles-Niveau. Fast alle Instrumente und Vocals von ihm selbst gespielt/gesungen. Produziert von Nigel Godrich – ist mir komplett unverständlich, dass Paul nicht ab da einfach alles von dem Mann hat produzieren lassen.

Was macht für Dich einen perfekten Popsong aus? Gib mal ein paar Beispiele!

Der perfekte Popsong. Hmm. Ich tippe mal, dass 90% der Zutaten so schon mal dagewesen sind (Pop), die restlichen 10% hauen einen aber komplett um.

Beispiele, die mir als erstes einfallen:

„Missing The War“ von Ben Folds Five
„Sentimental Guy“ von Ben Folds
„Falling“ von Ben Kweller
„Don’t Stop Me Now“ von Queen
„My Melancholy Blues“ von Queen
„God Only Knows“ von The Beach Boys
„Lisztomania“ von Phoenix
„My Father’s Gun“ von Elton John
„These Are The Days“ von Jamie Cullum
„Great Balls Of Fire“ von Jerry Lee Lewis
„Strong“ von Robbie Williams
„You’re Nobody Till Somebody Loves You“ von Dean Martin
„Dear Laughing Doubters“ von Sondre Lerche
„Beacon“ von Matt Duncan
„I Wish“ von Stevie Wonder
„The Calculation“ von Regina Spektor

Wie kann man sich ein Studium am LIPA vorstellen? Geht es da auch viel um Musiktheorie oder steht eher der kreative Prozess im Vordergrund? Und: Kommt man da tatsächlich irgendwie mit Paul McCartney in Berührung?

Das Studium am LIPA war eine bunte Mischung aus allem. Es gab verbindliche Kurse für alle Studiengänge, wie z.B. (jüngere) Kunstgeschichte. Und innerhalb des Musikzweiges konnte man sich selbst bunt etwas zusammenstellen: Instrumentalunterricht, Songwriting, Filmmusik und Komposition, Aufnahmetechnik etc. Und es gab immer Projekte, die semester- oder jahresweise stattgefunden haben, z.B. Aufführungen, Installationen, eine Tour als Begleitband für eine spanische Sängerin, „Kino im Dunkeln“. Im dritten Jahr musste man sich dann entscheiden, da habe ich „Performance“ gewählt, also mich auf das Instrument konzentriert.
Große Teile der Zeit wurden aber durch Bands und Projekte mit den anderen Musikern, Toningenieuren etc. gefüllt.

Den guten Paul habe ich insgesamt dreimal verpasst, der kam sporadisch unangekündigt an die Schule. Aber immer so, dass ich gerade krank war oder frei hatte. Die Songwriter im dritten Jahr hatten dann je eine halbe Stunde mit ihm und konnten ihm Songs vorspielen und sich ein paar Tipps abholen und plaudern. Alleine dafür hätte ich rückwirkend meinen Schwerpunkt im dritten Jahr auf „Songwriting“ legen müssen. Naja.

Was war der beste Rat, den Du je als Musiker bekommen hast?

Da fallen mir zwei Sachen von meinem Klavierlehrer am LIPA ein:

„Spiele immer mit Musikern, die besser sind als du.“

„Du bist kein Pianist, du bist Musiker.“

Den zweiten Rat fand ich besonders wertvoll, so wurden wir alle dazu angehalten, unbedingt immer Backing Vocals anzubieten und alle möglichen Instrumente auszutesten. So sehe ich mich auch tatsächlich eher: Kann vieles ein bisschen, dafür kein Instrument richtig gut.

Was kannst Du in Hamburg besonders empfehlen?

Ich gehe sehr gerne auswärts frühstücken. Empfehlen kann ich z.B. das Gloria, das Klippkroog, das Café Johanna und das Mamalicious (unschlagbares Omelette!).

Wo kann man Dich live sehen? Ist eine Tour in Planung?

Eine kleine Tour ist in Planung, wird wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres stattfinden. Vorher vielleicht noch zwei, drei einzelne Gigs. Am besten bei Facebook reinschauen, da kündige ich das immer rechtzeitig an.

5 Songs, die man Deiner Meinung nach unbedingt mal gehört haben sollte?

1. „Il Mio Nome È Nessuno“ von Ennio Morricone (kurze Version 2:23 min)

Zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn es mir begegnet. Eigentlich auch ein perfekter Popsong, obwohl es ja ein Instrumental ist. Den Film mochte ich auch als Kind schon gerne, die Musik von Ennio Morricone und Terence Hill als Nobody verströmen da ein sehr erfrischendes Gefühl von Sorglosigkeit und Überlegenheit.

2. „Dear Laughing Doubters“ von Sondre Lerche

Ein ähnlicher Effekt. Wenn man das Lied unterwegs hört, wird man automatisch etwas gelassener und freut sich ein bisschen über beinahe alles und jeden. Der Song ist für einen (eher schlechten) Film entstanden, bei dem die Produzenten „Fool On The Hill“ haben wollten, aber davon ausgehen mussten, dass sie den nicht bekommen und deswegen Sondre Lerche beauftragt haben, einen ähnlich fabelhaften Song zu schreiben. Und so unglaublich das klingt, das ist ihm tatsächlich gelungen. Am Ende haben sie wider Erwarten doch noch den Beatles-Song für den Vorspann bekommen, dieser hier wurde dann einfach über den Abspann gelegt.

3. „Coconut Grove“ von The Lovin’ Spoonful

Lovin’ Spoonful mussten auf jeden Fall mit in die kleine 5er-Playlist. „Coconut Grove“ ist eines der unbekannteren Lieder, denke ich. Schlägt auch ein bisschen in die Kerbe wie die ersten beiden, der perfekte Hängemattensong.

4. „All You Can Eat“ von Ben Folds

Bei Ben Folds kann man sowieso wenig falsch machen. Bei dem Song hier gefällt mir mal wieder, wie mit wenig Aufwand viel Effekt erzeugt wird. Toller Text, tolle Melodie und ein umwerfend schöner und überraschend dramatischer Mittelteil. Auch wieder einer für die Perfekter-Popsong-Liste.

5. „Beacon“ von Matt Duncan

Matt Duncan habe ich in einem Abspann von „Bored To Death“ für mich entdeckt. Das Prinzip ist ganz ähnlich wie bei mir: Der Typ schraubt auch zuhause an allen Instrumenten rum, die er zu fassen kriegt, nur weiß der tatsächlich, was er tut. Eine tolle EP mit 8 Songs und ein mindestens so tolles Album sind so bis jetzt entstanden.

Herzlichen Dank, Florian!

Konfekt und Konfetti!

Ab sofort veröffentliche ich an dieser Stelle absolut unregelmäßig Artikel zu diversen Themen, die ich persönlich interessant und relevant finde. Vermutlich wird es dabei überdurchschnittlich oft um Musik gehen. Bald wird es auch noch einen Podcast geben, der diesen Blog ergänzt (oder auch umgekehrt). Viel Vergnügen!