Review & Interview: THE CAPER

1993 lieferte ein gewisser Ralph Gasser an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich den Beweis: Wenn keiner der beiden Spieler einen Fehler macht, endet das Brettspiel Mühle immer unentschieden.

Bei Alleinspieler Florian Jakob alias The Caper ist das ein bisschen anders: Er macht auch alles richtig, klingt dabei aber keineswegs unentschieden und seine Mühe endet in einem äußerst bemerkenswerten Debütalbum namens „Compendium Of Games“. Die mit einem hinreißenden Artwork versehene „Spielesammlung“ sorgt nicht nur für beste Unterhaltung, sondern huldigt gleichzeitig einer ganzen Reihe spielfreudiger Gewinnertypen: Ben Folds, Jeff Lynne und seinem Electric Light Orchestra, den Beach Boys und ganz besonders Paul McCartney.

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(Foto: Florian Jakob)

Die Würfel waren früh gefallen: Florian Jakob, Jahrgang 1977, war bereits mirakulöser Multiinstrumentalist, versierter Vierspurgerätbesitzer und passionierter Plattensammler lange bevor er Abiturient am Viscardi-Gymnasium in Fürstenfeldbruck wurde. Mit der oberbayerischen Stadt hatte die Zunft der Musikhistoriker bislang maximal den gleichnamigen Song der Spider Murphy Gang assoziiert – „Ja, sie wui so gern wieder hoam, nach FFB“. Florian hingegen wollte weg. Bei aller geografischen Entfernung lag nichts näher als ein Studium am von Paul McCartney gegründeten Liverpool Institute For Performing Arts. „You can learn how to play the game / It’s easy“, hatten die Beatles schließlich einst in „All You Need Is Love“ verkündet (und damit so ganz nebenbei das alte Sprichwort „Pech im Spiel – Glück in der Liebe“ und seine Umkehrung widerlegt). In McCartneys ehemaligem Grundschulgebäude, das im Laufe der Jahrzehnte vermutlich so manches Gesellschaftsspiel bezeugt hatte, studierte Florian Jakob von 1998 bis 2002 – insbesondere das Klavierspiel.

Zum Thema „Spiel“ haben die Philosophen so einiges zu sagen. Platon zum Beispiel: „Beim Spiel kann man den Menschen in einer Stunde besser kennenlernen, als im Gespräch in einem Jahr.“ Bei The Caper reicht sogar eine gute halbe Stunde für eine Bekanntschaft mit bleibendem Eindruck. Er hat „Compendium Of Games“ komplett alleine eingespielt (wie übrigens auch McCartney sein Debüt aus dem Jahr 1970), in verschiedenen Proberäumen und in seinem auf 4,5 Kellerraum-Quadratmetern, zwischen Waschmaschine und Trockner eingerichteten Tonstudio in seiner Wahlheimat Hamburg. Die 12 Songs sind eine Art „Best Of“ der letzten 8 Jahre seines Schaffens – auch in dieser Hinsicht passt der Titel „Spielesammlung“ ausgezeichnet.

Zu dem Namen „The Caper“ hat Florian Jakob eines seiner favorisierten Filmgenres inspiriert, die sogenannten „Caper-Movies“ – clevere Gangsterfilme, wie z.B. „Der Clou“. Doch auch wenn die Referenzen an seine Helden unüberhörbar sind, ist der 39-Jährige selbst eindeutig kein Gangster, der bloß Ideen anderer klaut, sondern vielmehr ein hingebungsvoller Bewunderer, der clever genug ist, um seine ganz eigenen Songperlen zu erschaffen. Obwohl die hervorragende Single „M’s Collection“ ein veritables Hochstapler-Lied ist: „Ich musste beim Schreiben des Songs an einen Freund von früher denken, der immer ganz tolle Sachen hatte“, erzählte Florian Jakob im Gespräch mit Musikexpress-Redakteur Jochen Overbeck. „DJ-Plattenspieler, fünfsaitige Kontrabässe, den Soundtrack von ‚Die Vögel‘. Wenn man ihn besuchte, waren die Sachen aber immer zur Reparatur oder dem Halbbruder geliehen.“

Keineswegs reparaturbedürftig: Die Hitdichte auf „Compendium Of Games“. Die ist nämlich gigantisch, und es ist nahezu unmöglich, alle memorablen Melodien, swingenden Tastenenthusiasmen und blütenhonigsüßen, maßkonfektionierten Harmoniegesänge aufzuzählen. Florian Jakob gelingt zeitloses Songwriting allererster Güte – voller Witz, Charme und Eleganz. Während Ben Folds „Still Fighting It“ für seinen Sohn und „Gracie“ für seine Tochter schrieb, komponierte The Caper „Welcome“ und „She Better Be“ für seine beiden Kinder. Im Refrain von „She Better Be“ macht er aus dem McCartney-Debüt-Songtitel „Maybe I’m Amazed“ die in ihrer Zweifelsfreiheit absolut überzeugte und überzeugende Zeile „I know we’ll be amazed“. Er gönnt sich eine Queen-Gitarre als schillerndes Accessoire in „Fallin‘ In“, eine sanft gezupfte Nick-Drake-Gitarre in „More Than Halfway There“ und zelebriert mit „Rosedawn“ gleichermaßen Melancholie (musikalisch) und Optimismus (lyrisch). Nicht weniger als ein perfekter Popsong.

Mit anderen Worten: Florian Jakob würfelt eine Sechs nach der anderen, hat die ruhigste Hand beim Mikado und gewinnt souverän jede Backgammon-Partie. Aber mit diesem fantastischen Debüt dürfte er vor allem eines gewinnen: Herzen. Und zwar jede Menge. Oder um den Künstler persönlich, genauer gesagt aus seinem Song „77 Hours“ zu zitieren – einer weiteren lyrischen Hommage an die Beatles: A splendid time is guaranteed!

The Caper

„Compendium Of Games“

DWEDA/Oomoxx

VÖ: 9. September 2016

www.thecaper.de

The Caper bei FACEBOOK

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(Foto: Anna Jakob)

INTERVIEW MIT FLORIAN JAKOB ALIAS „THE CAPER“

Welchem Spiel aus der klassischen Spielesammlung entspricht Deine Musik am ehesten und warum?

Da fällt mir spontan Backgammon ein. Bei Backgammon kann man schön planen und sich clevere Züge überlegen, am Ende ist man aber dann doch komplett seinem Würfelglück ausgeliefert. So fühlt sich das beim Aufnehmen auch oft an. Das gleiche Mikrofon am gleichen Platz mit dem selben Instrument klingt manchmal perfekt und man freut sich, wie gut alles flutscht und läßt sich inspirieren. Manchmal funktioniert es aber trotz guter Erfahrungswerte und einem theoretisch guten Plan aber einfach überhaupt nicht. Und, wie bei Backgammon: Je besser man am Anfang gearbeitet hat, desto leichter ist es am Ende, alles einzutüten, z.B. Mischen, Vocal-Arrangements, etc.

Gibt es einen Song auf Deinem Album, der Dir besonders wichtig ist oder zu dem es eine besondere Anekdote gibt?

Wenn ich mir einen Song als besonders wichtig herauspicken müsste, dann müssten es eigentlich gleich zwei sein: „Welcome“ und „She Better Be“. Die sind beide als Geschenk für meine Kinder zum nullten Geburtstag entstanden. Bei beiden Texten habe ich also etwas raten müssen, was die beiden so für Persönlichkeiten haben könnten. Bis jetzt liege ich da aber, glaube ich, insgesamt einigermaßen richtig…

Gibt es für Dich ein Schlüsselerlebnis, das Deine Liebe zur Popmusik entfacht hat?

Zweierlei: Zum einen erinnere ich mich sehr gut noch daran,wie gebannt und fasziniert ich war, als ich zum ersten Mal Platten (meiner Eltern) auf meinem ersten Plattenspieler auflegen konnte. Die klassische Kindermusik, wie z.B. Rolf Zuckowski, gab es bei uns nie, ich bin also direkt mit Popmusik eingestiegen.
Und das andere Schlüsselerlebnis, das mich dazu gebracht hat, überhaupt selbst Musik aufzunehmen, war der Kauf eines Vierspurrekorders. Damit hatte ich auf einmal (gefühlt) unendliche Möglichkeiten, richtige Songs aufzunehmen. Aber die musste man sich dann natürlich erst mal ausdenken.

Welche Künstler bzw. Alben haben Dich am nachhaltigsten geprägt?

Auf jeden Fall ganz vorne: die Beatles. Eigentlich beinahe alle Alben. Zuerst aber der „Help!“-Soundtrack. Die Platte war die erste, die ich zuhause immer wieder gehört habe. Nicht zuletzt auch wegen dem Film „Hi-Hi-Hilfe“, den meine Großeltern auf VHS aufgenommen hatten.

In die gleiche Zeit (für mich als Entdecker) fällt „Time“ vom Electric Light Orchestra. In Verbindung mit dem Cover war das für mich faszinierende Weltraummusik aus der Zukunft.

Später dann „The Southern Harmony And Musical Companion“ von den Black Crowes. Da fand ich absolut alles toll, wäre am liebsten sofort bei der Band eingestiegen. Wahrscheinlich die Band, die ich am häufigsten live gesehen habe.

„Tumbleweed Connection“, meine erste Auseinandersetzung mit Elton John. Beinahe perfekte Platte vom sehr jungen Elton. Super Band, tolle Songs, unfassbar toller Sound und weniger Schnickschnack als vorher und nachher. Wahrscheinlich die unbekannteste Platte von ihm aus der supertollen sehr frühen Phase, ohne nachhaltigen Hit.

Die erste Lenny-Kravitz-Platte „Let Love Rule“ gehört zu meinen absoluten Favoriten. Da habe ich das erste Mal gehört/gelesen, dass man das tatsächlich auch Spur für Spur alles alleine machen kann und am Ende trotzdem alles genauso gut, wenn – wie in diesem Fall – nicht gar besser, und alles perfekt abgestimmt sein kann.

„Whatever And Ever Amen“ von Ben Folds Five war dann genau alles, was ich schon immer mochte. Kleine Band, jede Menge Klavier und Backing-Gesänge, wahnsinnig tolle Songs mit ebenso interessanten und cleveren Texten. Und das Ganze vollkommen unprätentiös und trotzdem voller Überraschungen und Momente, bei denen einem das Herz aufgeht. Könnte ohne Weiteres eine Best-Of-Platte einer verdammt guten Band
sein.

Der „Magnolia“-Soundtrack von Aimee Mann. Aimee Mann habe ich erst durch den Film kennengelernt. Ihre Version von „One“ direkt im Vorspann und auch alle anderen Songs auf dem Soundtrack sind so zeitlos geschmackvoll geschrieben, gespielt, gesungen und arrangiert, dass es eine wahre Freude ist.

„United“ und „Alphabetical“ von Phoenix. Habe ich mir gleichzeitig gekauft. „Alphabetical“ ist am Stück das bessere Album zum Durchhören ohne Ausfälle, trotzdem hat „United“ ein paar Songs, die sogar noch toller sind. Phoenix schaffen es regelmäßig, von mir als eher uncool abgetane Sounds so toll zu verwenden, dass ich mich fast ärgern muss, dass mir das nicht selbst eingefallen ist.

„Chaos And Creation In The Backyard“ von Paul McCartney. Mit einigem Abstand die allertollste McCartney-Solo-Platte. Nur gute Songs, endlich mal wieder durchgehend auf Beatles-Niveau. Fast alle Instrumente und Vocals von ihm selbst gespielt/gesungen. Produziert von Nigel Godrich – ist mir komplett unverständlich, dass Paul nicht ab da einfach alles von dem Mann hat produzieren lassen.

Was macht für Dich einen perfekten Popsong aus? Gib mal ein paar Beispiele!

Der perfekte Popsong. Hmm. Ich tippe mal, dass 90% der Zutaten so schon mal dagewesen sind (Pop), die restlichen 10% hauen einen aber komplett um.

Beispiele, die mir als erstes einfallen:

„Missing The War“ von Ben Folds Five
„Sentimental Guy“ von Ben Folds
„Falling“ von Ben Kweller
„Don’t Stop Me Now“ von Queen
„My Melancholy Blues“ von Queen
„God Only Knows“ von The Beach Boys
„Lisztomania“ von Phoenix
„My Father’s Gun“ von Elton John
„These Are The Days“ von Jamie Cullum
„Great Balls Of Fire“ von Jerry Lee Lewis
„Strong“ von Robbie Williams
„You’re Nobody Till Somebody Loves You“ von Dean Martin
„Dear Laughing Doubters“ von Sondre Lerche
„Beacon“ von Matt Duncan
„I Wish“ von Stevie Wonder
„The Calculation“ von Regina Spektor

Wie kann man sich ein Studium am LIPA vorstellen? Geht es da auch viel um Musiktheorie oder steht eher der kreative Prozess im Vordergrund? Und: Kommt man da tatsächlich irgendwie mit Paul McCartney in Berührung?

Das Studium am LIPA war eine bunte Mischung aus allem. Es gab verbindliche Kurse für alle Studiengänge, wie z.B. (jüngere) Kunstgeschichte. Und innerhalb des Musikzweiges konnte man sich selbst bunt etwas zusammenstellen: Instrumentalunterricht, Songwriting, Filmmusik und Komposition, Aufnahmetechnik etc. Und es gab immer Projekte, die semester- oder jahresweise stattgefunden haben, z.B. Aufführungen, Installationen, eine Tour als Begleitband für eine spanische Sängerin, „Kino im Dunkeln“. Im dritten Jahr musste man sich dann entscheiden, da habe ich „Performance“ gewählt, also mich auf das Instrument konzentriert.
Große Teile der Zeit wurden aber durch Bands und Projekte mit den anderen Musikern, Toningenieuren etc. gefüllt.

Den guten Paul habe ich insgesamt dreimal verpasst, der kam sporadisch unangekündigt an die Schule. Aber immer so, dass ich gerade krank war oder frei hatte. Die Songwriter im dritten Jahr hatten dann je eine halbe Stunde mit ihm und konnten ihm Songs vorspielen und sich ein paar Tipps abholen und plaudern. Alleine dafür hätte ich rückwirkend meinen Schwerpunkt im dritten Jahr auf „Songwriting“ legen müssen. Naja.

Was war der beste Rat, den Du je als Musiker bekommen hast?

Da fallen mir zwei Sachen von meinem Klavierlehrer am LIPA ein:

„Spiele immer mit Musikern, die besser sind als du.“

„Du bist kein Pianist, du bist Musiker.“

Den zweiten Rat fand ich besonders wertvoll, so wurden wir alle dazu angehalten, unbedingt immer Backing Vocals anzubieten und alle möglichen Instrumente auszutesten. So sehe ich mich auch tatsächlich eher: Kann vieles ein bisschen, dafür kein Instrument richtig gut.

Was kannst Du in Hamburg besonders empfehlen?

Ich gehe sehr gerne auswärts frühstücken. Empfehlen kann ich z.B. das Gloria, das Klippkroog, das Café Johanna und das Mamalicious (unschlagbares Omelette!).

Wo kann man Dich live sehen? Ist eine Tour in Planung?

Eine kleine Tour ist in Planung, wird wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres stattfinden. Vorher vielleicht noch zwei, drei einzelne Gigs. Am besten bei Facebook reinschauen, da kündige ich das immer rechtzeitig an.

5 Songs, die man Deiner Meinung nach unbedingt mal gehört haben sollte?

1. „Il Mio Nome È Nessuno“ von Ennio Morricone (kurze Version 2:23 min)

Zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn es mir begegnet. Eigentlich auch ein perfekter Popsong, obwohl es ja ein Instrumental ist. Den Film mochte ich auch als Kind schon gerne, die Musik von Ennio Morricone und Terence Hill als Nobody verströmen da ein sehr erfrischendes Gefühl von Sorglosigkeit und Überlegenheit.

2. „Dear Laughing Doubters“ von Sondre Lerche

Ein ähnlicher Effekt. Wenn man das Lied unterwegs hört, wird man automatisch etwas gelassener und freut sich ein bisschen über beinahe alles und jeden. Der Song ist für einen (eher schlechten) Film entstanden, bei dem die Produzenten „Fool On The Hill“ haben wollten, aber davon ausgehen mussten, dass sie den nicht bekommen und deswegen Sondre Lerche beauftragt haben, einen ähnlich fabelhaften Song zu schreiben. Und so unglaublich das klingt, das ist ihm tatsächlich gelungen. Am Ende haben sie wider Erwarten doch noch den Beatles-Song für den Vorspann bekommen, dieser hier wurde dann einfach über den Abspann gelegt.

3. „Coconut Grove“ von The Lovin’ Spoonful

Lovin’ Spoonful mussten auf jeden Fall mit in die kleine 5er-Playlist. „Coconut Grove“ ist eines der unbekannteren Lieder, denke ich. Schlägt auch ein bisschen in die Kerbe wie die ersten beiden, der perfekte Hängemattensong.

4. „All You Can Eat“ von Ben Folds

Bei Ben Folds kann man sowieso wenig falsch machen. Bei dem Song hier gefällt mir mal wieder, wie mit wenig Aufwand viel Effekt erzeugt wird. Toller Text, tolle Melodie und ein umwerfend schöner und überraschend dramatischer Mittelteil. Auch wieder einer für die Perfekter-Popsong-Liste.

5. „Beacon“ von Matt Duncan

Matt Duncan habe ich in einem Abspann von „Bored To Death“ für mich entdeckt. Das Prinzip ist ganz ähnlich wie bei mir: Der Typ schraubt auch zuhause an allen Instrumenten rum, die er zu fassen kriegt, nur weiß der tatsächlich, was er tut. Eine tolle EP mit 8 Songs und ein mindestens so tolles Album sind so bis jetzt entstanden.

Herzlichen Dank, Florian!

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